BIM-Anwendungsfälle: Zusammenhang, Abhängigkeiten, Aufteilung
Wie weit sind wir mit den Standardanwendungfällen?
Bereits vor ca. eineinhalb Jahren habe ich einen kurzen Artikel über die Nutzung von Anwendungsfallsteckbriefen geschrieben. Seitdem haben sich die Standardanwendungsfälle (21 nach BIM Deutschland bzw. 19 gemäß BIM für Bundesbauten) immer mehr durchgesetzt und werden in vielen Projekten umgesetzt. Doch wie hängen die Anwendungsfälle eigentlich zusammen? Muss Anwendungsfall „x“ in frühen Leistungsphasen umgesetzt werden, damit später Anwendung „y“ erfolgreich durchgeführt werden kann? Und kann ich Anwendungsfälle weiter aufteilen und genauer definieren?
Je mehr sich alle Projektbeteiligten mit dem Thema beschäftigen, desto mehr Fragen tauchen auf. Das ist eine positive Entwicklung, denn sie zeigt eine zunehmende Akzeptanz. Also der Reihe nach. BIM Deutschland bzw. BIM für Bundesbauten (BfB) haben 19 bzw. 21 Anwendungsfälle definiert. Die 19 Anwendungsfälle von BfB (siehe Abbildung 1) werden von BIM Deutschland teilweise anders benannt, sind inhaltlich jedoch gleich. Sie werden durch die AWF 000 (Grundsätzliches) und AWF 200 (Nutzung für Betrieb und Erhaltung) ergänzt.

Anwendungsfälle gezielt verfeinern
Natürlich können diese Anwendungsfälle weiter verfeinert werden – je nach Projektanforderungen ist es aus meiner Sicht sogar notwendig. Die Einteilung kann dabei inhaltlich oder zeitlich erfolgen, zum Beispiel zur Veranschaulichung.
Der Anwendungsfall 040 (Visualisierung) gemäß BIM Deutschland lautet: „Bedarfsgerechte Visualisierung unter Zuhilfenahme der BIM-Modelle, ergänzt um weitere Objekte und Informationen und/oder grafisch aufbereitet als Basis für die Projektkommunikation (z. B. visuelle Aufbereitung von Bauteilen) oder Öffentlichkeitsarbeit (fotorealistische Abbildungen, Animationen u. a.)“.
Wir unterteilen den AWF in fast allen Projekten wie folgt:

Damit wird eine einfache inhaltliche Unterscheidung ermöglicht, da die unterschiedlichen Visualisierungsmethoden auch einen unterschiedlichen Aufwand mit sich bringen und gegebenenfalls sogar weitere Nachunternehmer beauftragt werden müssen.
Andere Anwendungsfälle können hingegen eher zeitlich aufgeteilt werden, wie die Koordination der Fachgewerke (AWF 050), die je nach Leistungsphase fortgeschrieben oder von vornherein unterteilt wird, beispielsweise in „Koordination der Fachgewerke in der Planung“ und „Koordination der Fachgewerke in der Ausführung“. Hier wird den Projektbeteiligten weiterhin viel Freiraum gegeben, was bei den unterschiedlichsten Projekten auch notwendig ist.
Ebenfalls spannend ist die Frage, wie Anwendungsfälle zusammenhängen. Ehrlicherweise ist diese nicht ganz einfach zu beantworten.
Relativ eindeutig ist, dass der Anwendungsfall 190 (Bauwerksdokumentation) am Ende steht. Aber Moment: ist das wirklich so? Läuft das Inbetriebnahmemanagement (AWF 180) nicht nach der abgeschlossenen Dokumentation oder zumindest parallel? Und was ist, wenn ich den AWF 190 weiter unterteile in Phase 1 „Beratendes Mitwirken bei Leistungsbeschreibung für As-Built-Modelle“ und Phase 2 „Erstellung der As-Built-Modelle“? Und die Werk- und Montageplanung ist ja auch noch gar nicht berücksichtigt.
So schnell ist die scheinbare Eindeutigkeit dahin. Wir haben versucht, die Anwendungsfälle und deren Zusammenhänge in einem Diagramm darzustellen. Dabei wird deutlich, dass der AWF 050 sehr zentral ist, denn ohne koordinierte Modelle machen Planableitungen, Mengenermittlungen, Ausschreibungen und Visualisierungen keinen Sinn. Das spiegelt auch die zentrale Rolle der Objektplanung in Projekten wider, die häufig die Gesamtkoordination und damit auch die Verantwortlichkeit für den Anwendungsfall übernimmt.
Außerdem wird deutlich, dass bestimmte Anwendungsfälle direkt oder indirekt abhängig voneinander sind.
So lässt sich anhand unserer Darstellung nachvollziehen, dass die Anwendungsfälle 100 (Mengenermittlung), 110 (Leistungsverzeichnis), 120 (Terminplanung) und 140 (Baufortschrittskontrolle) sukzessive Voraussetzungen sind, um den Anwendungsfall 160 (Abrechnung von Bauleistungen) durchführen zu können.
Besonders bei Pilotprojekten nutzen wir diese Grafik (Abb. 3) gerne zur Beratung bei der Auswahl der Anwendungsfälle, um komplexe Abhängigkeiten einfacher erklären zu können und die passenden Anwendungsfälle stufenweise auszuwählen.

Eric Wolgast
Teamleitung BIM-Management
Eric ist seit Juli 2022 als BIM-Manager bei AEC3 tätig und leitet Projekte in den Bereichen Forschungs- und Universitätsbau sowie Industrieanlagen- und Krankenhausbau. Er ist auch bei der Beratung und BIM-Implementierung aktiv und begleitet BIM-Pilotprojekte für öffentliche und private Bauherren. Seit 2023 engagiert er sich in der buildingSMART-Fachgruppe Krankenhausbau, mittlerweile auch als Fachgruppensprecher, und war federführend an der Entwicklung der Klinik-Informationsanforderungen (2.0) beteiligt. Seit 2025 ist er Teamleiter im Bereich BIM-Management bei AEC3.